FF Wiener Neudorf: Niederösterreichs modernstes Hilfeleistungsfahrzeug 4

Nach einer europaweiten Ausschreibung und 12-monatiger Bauzeit konnte am 31. März 2022 ein neues, vierachsiges Hilfeleistungsfahrzeug 4 an die Freiwillige Feuerwehr Wiener Neudorf übergeben werden. Das HLF 4 ersetzt das 25 Jahre alte Großtanklöschfahrzeug, welches wenige Tage zuvor zur Betriebsfeuerwehr des Biomassehofs Wonneberger GmbH nach Deutschland verkauft wurde.

Konzipierung der Hilfeleistungsfahrzeuge

Nach Inkrafttreten der NÖ Feuerwehr-Ausrüstungsverordnung im Jahr 2011 wurde die Freiwillige Feuerwehr Wiener Neudorf in die Risikoklassen B6 und T3 eingestuft. Durch diese neu geschaffene Verordnung wurde festgelegt, welcher Fahrzeug- und Gerätestand für die jeweilige Feuerwehr vorgesehen ist.

In einem mit der Marktgemeinde Wiener Neudorf erarbeiteten Fahrzeugkonzept wurden die vorhergesehenen Fahrzeuge dahingehend geplant, dass der vorhandene Löschzug auf das Einsatzgebiet und das Gefahrenpotential abgestimmt ist.

In weiterer Folge sah der Plan vor, zuerst zwei Hilfeleistungsfahrzeuge mit einem 2.100 Liter fassenden Wassertank (ein Tankinhalt bis 4.000 Liter wäre möglich gewesen) anzuschaffen. Diese Entscheidung war aber nur mit dem Wissen möglich, ein Großtanklöschfahrzeug zu besitzen bzw. dieses nach 25 Jahren auszutauschen.

Anforderungen an das HLF4

Zum Start der Planungsphase des neuen Hilfeleistungsfahrzeuges 4 wurde durch den Autor des Artikels ein Konzept für die Stationierung des Bezirks HLF 4 in Wiener Neudorf verfasst.

Folgende Argumente sprachen für die Stationierung des Fahrzeuges in Wiener Neudorf:

  • Aufgrund der zentralen Lage der FF Wiener Neudorf in unmittelbarer Nähe zum Industriezentrum Niederösterreich Süd, zur Südautobahn sowie der Landesstraßen B17 und B11 können nicht nur die Bezirksabschnitte Mödling-Stadt und Mödling Industriezone abgedeckt werden, sondern auch die Nachbarbezirke Baden und Bruck an der Leitha rasch erreicht werden.
  • Durch die Unterstützung der Marktgemeinde Wiener Neudorf kann jederzeit Personal, auch über eine längere Einsatzdauer, zur Verfügung gestellt werden (derzeit sind 17 Kameraden im Gemeindedienst beschäftigt).
  • jahrzehntelange Erfahrung mit einem Sonderfahrzeug dieser Art

Im Zuge dieses, für die Bezirksstationierung verfassten, Konzeptes wurden auch die Aufgabenbereiche des neuen Fahrzeuges gemeinsam mit der Arbeitsgruppe definiert:

Folgende Aufgaben sollte das Hilfeleistungsfahrzeug 4 weiterhin übernehmen:

  • rasche Bereitstellung großer Mengen an Löschmittel für die Brandklassen A und B
  • Ergänzung der vorhandenen drei HLF mit Schlauchmaterial
  • Befüllen der zahlreichen trockenen, ortsfesten Löschwasseranlagen (bekannt als Steigleitungen) im Einsatzgebiet
  • leistungsstarker Dachmonitor zur Brandbekämpfung in Industriebetrieben
  • Frontwerfer zur Brandbekämpfung von Flur- und Böschungsbränden
  • Sicherstellung der Löschwasserversorgung bei Fahrzeugbränden auf Landesstraßen und Autobahnen
  • Löschwasserversorgung der in Wiener Neudorf stationierten Drehleiter und oder anderer Hubrettungsgeräte bei Brandeinsätzen
  • Unterstützung bei Vegetationsbränden
  • Überbrückung von Engpässen mit Löschwasser in schlecht versorgten Gebieten
  • erweiterte Absicherung von Einsatzstellen im hochrangigen Straßennetz sowie die Bergung rollfähiger Schwerfahrzeuge

Folgende Anforderungen entfielen im Vergleich zum Vorgängerfahrzeug:

In diesem Schritt des Projektes wurde definiert, welche Aufgaben und oder Gerätschaften bei einem Neufahrzeug nicht mehr erforderlich sind. So wurde bewusst auf die Frontseilwinde verzichtet. Ebenfalls entschied man sich gegen den am Vorgängerfahrzeug verbauten hydraulischen Abschleppgalgen sowie die damit verbundenen Anschlagmittel und technische Ausrüstung. Auch der bereits abgerüstete hydraulische Rettungssatz für Schwerfahrzeuge war kein Thema bei der Konzeptionierung des Neufahrzeuges.

Diese neue Aufgabengebiete sollten erfüllt werden:

Um für Flur-, Böschungs- und Waldbrände noch besser ausgerüstet zu sein, sollten D-Schlauchmaterial, Löschrücksacke und Schanzwerkzeug am Fahrzeug vorhanden sein. Dieser Schwerpunkt bezog sich aber nur auf die Beladung und nicht auf die Geländegängigkeit des Fahrgestells.

Ausschreibung und Onlinetermine

Als nächster Schritt folgte für die siebenköpfige Arbeitsgruppe neben der Onlinerecherche und Kontaktaufnahme zu Feuerwehren mit modernen Großtanklöschfahrzeugen/HLF 4 die Vorbereitung einer europaweiten Ausschreibung. Im Zuge eines Bestbieterverfahrens wurde schlussendlich die Firma Rosenbauer mit dem Bau des neuen Sonderfahrzeuges beauftragt. Durch den Gemeinderat der Marktgemeinde Wiener Neudorf wurde zuvor die Finanzierung des Fahrzeuges einstimmig beschlossen.

Aufgrund der positiven Erfahrungen im vorhandenen Fuhrpark und des gewohnten Bedienungskonzeptes, entschied man sich erneut für ein Fahrgestell aus dem Hause Mercedes Benz.

Das für den Baustellenverkehr entwickelte Arocs-Fahrgestell mit einer Besatzung von 1:2 überzeugte durch seine Robustheit sowie die versprochene Zuverlässigkeit. Auch die Anforderungen an das zulässige Gesamtgewicht (32.000 kg) und die entsprechende Motorleistung von 530 PS wurden bei diesem Vierachsfahrgestell (erste und letzte Achse sind lenkbar) erfüllt.

Zahlreiche Vor- und Rohbaubesprechungen fanden coronabedingt entweder in minimaler Besetzung im oberösterreichischen Werk statt oder wurden als Onlinetermin für die gesamte Arbeitsgruppe angeboten. Dieses pandemiebedingte neue Format der Projektabwicklung überzeugte aber insofern, da Termine schnell und ohne benötigten Urlaub der ehrenamtlichen Arbeitsgruppe realisiert wurden. Offene Punkte konnten somit oft innerhalb weniger Stunden gelöst werden.

Ein herzlicher Dank gilt allen Rosenbauer-Mitarbeitern, welche im Zuge dieser Onlinetermine oft kurzerhand zum Kameramann wurden, wenn sie das Fahrzeug per Webcam präsentierten.

Löschtechnik als Herzstück

Das neue HLF4 der FF Wiener Neudorf verfügt über eine Normaldruckkreiselpumpe mit einer Leistung von bis zu 5.500 Litern pro Minute. Mit dieser leistungsstarken Feuerlöschpumpe können neben den beiden fix verbauten, ferngesteuerten Wasserwerfern (Frontwerfer Rosenbauer RM 15 und Dachwerfer Rosenbauer RM 35) auch zwei A-Druckausgänge, fünf B-Druckausgänge (einer davon im Frontbereich) sowie eine Schnellangriffshaspel im Heck versorgt werden.

Wie das Vorgängerfahrzeug aus dem Jahr 1996 verfügt das neue HLF 4 ebenfalls über Wasserdüsen im Unterboden zum Fahrzeugschutz.

Über die vier seitlichen Druckeingänge (oberhalb der Hinterachsen) in den Dimensionen A und B sowie über den zentralen Pumpeneingang im Heck kann der 12.500 Liter fassende Wassertank gefüllt werden.

Bis auf den Frontausgang können alle Druckausgänge individuell durch das Hydromatic-Druckzumischsystem mit Schaummittel (mögliche Zumischraten von 0.5 bis 6%) versorgt werden.

Das Fahrzeug selbst verfügt über zwei Schaummitteltanks. Diese wurden mit 120 Liter Class A sowie 480 Liter alkoholbeständigem Schaummittel befüllt. Bei beiden hochkonzentrierten Löschmitteln reicht bereits eine Zumischrate von 1%, um die maximale Löschwirkung zu erzielen.

Neues Aufbaukonzept

Aufgrund der Notwendigkeit eines großen Wassertanks entschied man sich für die neue Rosenbauer MT-Produktlinie (Modular Technology). Durch die modulare Bauweise konnte ein genau an die Bedürfnisse der FF Wiener Neudorf angepasstes, vierachsiges Löschfahrzeug realisiert werden. Dabei überzeugte auch das neue Beleuchtungskonzept und die im Aufbau integrierte Blaulichtanlage, welche zusätzlich durch mehrere LED-Bahnräumer ergänzt wurde. Das schlichte Fahrzeugheck wurde, wie alle anderen Wiener Neudorfer Fahrzeuge, mit einer hochreflektierenden Warnmarkierungsfolie beklebt. Als Besonderheit verfügt die Heckklappe über ein kleines Rollo, um bei Bedarf rasch Zugriff auf die Pumpensteuerung zu bekommen, oder die verbaute Verkehrsleiteinrichtung auch im Nahbereich des Fahrzeuges lesen zu können.

Highlights der Beladung

Neben der Mindestbeladung laut Baurichtlinie verfügt das Fahrzeug über zwei leistungsstarke tragbare Wasserwerfer mit einer Literleistung von bis zu 2.000 Liter/min mit Weitwurfdüse oder Hohlstrahlaufsatz. Besonders erwähnenswert ist die verbaute Sicherheitseinrichtung: kommt es zu starken Druckstößen, so schließt der aus Amerika stammende mobile Wasserwerfer automatisch.

Die bei Projektstart definierten Aufgaben wurden mit folgender Beladung bedacht:

  • 50 Meter A-Druckschläuche
  • 430 Meter B- Druckschläuche
  • 200 Meter C- Druckschläuche
  • 240 Meter D-Druckschläuche in Schlauchtragekörben
  • 40 Meter formstabiler Schnellangriff (Normaldruck im Heck)
  • 40 Meter Düsenschläuche für den Brand- und Schadstoffeinsatz
  • Eine Schlauchbox für B-Schläuche im Bereich des Frontwerfers, um schnell andere Fahrzeuge oder ortsfeste Löschanlage zu versorgen
  • Zwei Kombischaumrohre 4/15/50
  • Umfangreiches Handwerkzeug, Löschrücksäcke und wasserführende D-Armaturen für Vegetationsbrände
  • Zwei Unterwasserpumpen zur Löschwasserversorgung aus offenen Gewässern
  • Saugausrüstung in der Dimension F 150
  • Griffbereite Abschleppstange am Fahrzeugheck

Derzeit finden die umfangreichen Einschulungen der Einsatzmaschinisten und der Aktivmannschaft im Zuge eines modularen Systems mit Online- und Präsenzterminen statt.

Quelle: Pressestelle FF Wiener Neudorf

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